Der Kannegießerbach

kannegiesser_verlaufNur etwa anderthalb Kilometer lang ist der kleine Zufluss zur Pau – je nachdem, wo man seinen Anfang sieht. Umso erstaunlicher ist die Vielfalt an Ausprägungen, die er auf seinem kurzen Weg aufweist. Von annähernd natürlich über mäßig naturnah bis vollständig verbaut und verrohrt reicht die Palette.

Wie so viele Aachener Bäche entspringt auch der Kannegießerbach am Rand des Aachener Stadtwaldes, in diesem Fall in der Nähe von Grundhaus an der Lütticher Straße. Der oberste Abschnitt in der Wiesenmulde bei den Hundsportplätzen liegt im Sommer meistens trocken und ist zudem teilweise verrohrt (1).

kanne-tal1_klErst mit dem wasserreichen Zufluss vom Von Halfern Park führt der Kannegießerbach dauerhaft Wasser. Das langgestreckte Bachtal wird vom Brüsseler Ring überquert, von wo aus man zu beiden Seiten einen schönen Ausblick auf das malerische Wiesental hat (2) (3). Die teilweise extensiv bewirtschafteten, teilweise brach liegenden Wiesen bzw. Viehweiden mit eingestreuten Erlen- und Weidengebüschen weisen eine Vielzahl seltener Pflanzenarten des Feuchtgrünlandes auf. Sie sind daher als Geschützter Landschaftsbestandteil bzw. Geschütztes Biotop ausgewiesen. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich dem aufmerksamen Beobachter, dass der Bach auf dem Abschnitt oberhalb des Brüsseler Rings (2) unnatürlich geradlinig verläuft und nicht – wie es der Natur eines vom Menschen unbeeinflussten Fließgewässers entspricht – in Schwingungen („Mäandern“). Und nur in Winter und Frühjahr, wenn die Vegetation den direkten Blick auf den Bach freigibt, sind die vielen kleinen Staustufen und Schwellen zu erkennen, die den Fluss des Wassers aufhalten.

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Dagegen ist der Bachlauf unterhalb des Brüsseler Rings (3) sehr naturnah ausgeprägt. Er verläuft in unregelmäßigen Schwingen, sein Profil variiert ständig in Breite und Tiefe und bietet dadurch vielfältige Kleinlebensräume für wassergebundene Tierarten. Auch Totholz als wichtiges Element und Indiz für ein natürliches Fließgewässer ist vorhanden.

 

 

 

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Anschließend fließt der Kannegießerbach durch das Gelände einer Kleingartenanlage (4). Der Bachlauf ist zwischen hohen Mauern eingezwängt, die keinen Platz für natürliche Ufer- oder Gewässerstrukturen bieten. Früher lag in der Nähe die „Weißen Mühle“, die von den Wassern sowohl des Kannegießerbachs als auch der damals umgeleiteten Pau betrieben wurde. Heute verschwindet der plätschernde Bach am Ende der Anlage in einem mächtigen Sandfang mit Gitter, um die letzten Meter bis zur Mündung in den Hangeweiher still und unbemerkt in einem Rohr unter der Oberfläche zurück zu legen (5). Dabei fließt er am Freibad vorbei, das einst mit seinem Wasser gespeist wurde.

 

Die Wasserqualität des Kannegießerbachs ist gut, sie entspricht lt. Gewässergütebericht der Stadt der Güteklasse II der alten deutschen Skala. Allerdings muss der Bach Zuleitungen von Straßen-Abwässern aufnehmen. Insbesondere das Regenwasser vom Brüsseler Ring stellt eine zeitweilig hohe chemische (Reifenabrieb, Öl-/Benzinreste usw.) und auch hydraulische (kurzfristig unnatürlich hohe Wassermengen) Belastung dar.


Im Herbst 2009 haben wir zusammen mit einer Schulklasse am oberen Kannegießerbach eine kleine Aktion zur Wiederherstellung der Durchgängigkeit durchgeführt. Über die Renaturierungsaktion erzählt die Seite:

Kannegießerbach II – Freier (Durch-)Fluss für einen kleinen Bach


Exkurs: Frischluft für das Stadtzentrum

 Wie das Johannisbachtal stellt das Kannegießer-Bachtal eine wichtige Frischluftschneise im städtischen Einzugsgebiet dar. Im Gesamtstädtischen Klimagutachten von 2000 wird der Kaltluft-Volumenstrom am Brüsseler Ring auf über 3000 m³/s berechnet. Zum Vergleich: beim Johannisbachtal/Auf der Mauer sind es rund 600 m³/s, am Wildbach bei Schurzelt knapp 1900 m³/s. Der extrem hohe Wert beim Kannegießerbach dürfte u.a. auf die Stauwirkung durch den Straßendamm des Brüsseler Rings zurück zu führen sein. Erst wenn in klaren Sommernächten die relativ schwere Kaltluft das Tal bis zur Dammkrone ausfüllt, kann sie in das jenseits des Rings gelegene Tal „überschwappen“ und weiter Richtung Zentrum fließen. In ähnlicher Weise wird das obere Tal durch den querliegenden Damm zum Hochwasserrückhaltebecken, da der Rohrdurchlass die maximal durchfließende Wassermenge begrenzt.

(Januar 2016)