Moltkebahnhof – Tier- und Pflanzenwelt

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Es ist eine Kombination von selten anzutreffenden Standortbedingungen (nährstoffarm – trocken – warm) und kleinräumig wechselnder Vielfalt, welche das Bahnhofsgelände zu einem innerstädtischen ökologischen Kleinod werden ließ. Dabei handelt es sich bei dem Untergrund des ehemaligen Güterbahnhofgeländes nicht um natürlich gewachsene Böden, sondern um künstlich aufgeschüttetes Material unterschiedlichster Herkunft.

Da sind die kalkreichen, groben Schotterschichten, welche einst den Untergrund für die Schienenstränge bildeten. Oder die ehemalige Ladestraße mit einer Pflasterung aus Basaltsteinen im Zentrum des Geländes. Dazwischen finden sich verdichtete Rohböden, Sandflecken, mit Bauschutt aufgefüllte Mulden und Reste der ehemaligen Bebauung. Neu hinzugekommen sind mit der Parkgestaltung angelegte Wege mit einer Decke aus Asphalt oder Kalksplitt sowie neu planierte Flächen.

Vorherrschendes Merkmal aller Böden ist ihr Mangel an Feinerde/Humus und ihre große Nährstoffarmut. Zwischen den Schottern und Sanden versickert das Regenwasser rasch, so dass nur gegenüber Wasserstress wenig empfindliche oder tief wurzelnde Pflanzen eine Überlebenschance haben. Über verdichteten Bodenpartien vermag sich Regenwasser zumindest kurzzeitig zu sammeln, doch trocknen sie bei längeren regenlosen Zeiten ebenfalls rasch aus. Gleichzeitig sind durch die windgeschützte Lage und durch den hohen Steinanteil die Einstrahlung und Erwärmung tagsüber sehr groß.


Pflanzenwelt 2003/4

Die zentralen Offenlandbiotope, die dem Gelände früher seinen einmaligen Charakter geben, zeichneten sich durch eine schüttere Vegetation mit einem hohen Anteil bunt blühender Kräuter aus. Die Pflanzen- und Tierarten, die sich hier einfanden, waren an die schwierigen Wuchsbedingungen optimal angepasst. Sie könnten auch auf „besseren“ Standorten überleben, sind dort jedoch der Konkurrenz anderer, wuchsstärkerer Arten unterlegen.

Die meisten Kräuter ließen sich den halbruderalen Sand- und Magerrasen-Ggesellschaften sowie den wärmeliebenden Ruderalfluren zuordnen. Zumindest in 2003/2004 bildeten Vertreter der Natternkopf-Steinklee-Flur die (farb-)tonangebende Gesellschaft. Diese Pflanzengesellschaft wächst bevorzugt auf kalkreiche Böden. Auffällig war auch der hohe Anteil an Schmetterlingsblütlern wie Hornklee, Steinklee (auch Honigklee genannt) und Weißklee. Vertreter dieser Großfamilie vermögen den lebenswichtigen Stickstoff aus der Luft zu binden und sind daher nicht auf eine Versorgung aus dem Boden angewiesen. Im Gegenteil reichern sie den Boden beim Absterben noch mit Stickstoff an.

Gehölzfreie Standorte mit besserer Nährstoff- und Wasserversorgung traten meist nur kleinflächig und verstreut auf. Günstige Wuchsbedingungen für Pflanzen fanden sich beispielsweise im Schatten von Gehölzen, an Mauerfüßen oder in verdichteten Bodenmulden usw.. Auch wenn solche Krautsäume eine größere Grünmasse bilden, sind sie vegetationskundlich weniger wertvoll, denn es überwiegen Allerweltsarten wie Brennnessel, Ampfer oder Beifuss. Für die Tierwelt sind sie jedoch insofern wichtig, als sie Rückzugs- und Versteckmöglichkeiten bieten.

Größere zusammenhängende Gehölzbestände fanden sich hauptsächlich an den Randzonen entlang des Bahndammes bzw. zum Frankenberger Viertel hin, in geringem Umfang aber auch in der zentralen Fläche. Die von Birken dominierten Pioniergehölze auf den groben Bahnschottern waren arm an Unterholz, denn auf den feinerdearmen Schottern konnten außer Sandbirken, Pappeln oder (Sal-)Weiden nur wenige Gehölze Wurzel fassen. Eine der bemerkenswerten Pflanzenarten in diesen Bereichen ist die Sumpf-Stendelwurz, unsere häufigste heimische Orchideenart.

Reicher an Pflanzenarten waren die Gehölze zum Hangfuß am Bahndamm hin. Hier sammelte sich in einer grabenähnlichen Mulde Hangwasser, Boden und Mulchmaterial, so daß anspruchsvollere Arten gedeihen konnten. Darunter befanden sich zahlreiche Feuchtezeiger wie Schwarzerle, Blutweiderich, Wasserdost, Laucharten, Farne und Sauergräser.

Pflanzenwelt 2015

Mittlerweile hat sich der Charakter der Vegetation stark verändert. Die offenen, kargen Ruderalbiotope sind weitgehend verschwunden. Da die für Bahnbiotope typischen drastischen Eingriffe unterblieben, setzte eine natürliche Sukzession ein. Bäume und Sträuchern konnten sich ungestört ausbreiten. Aus ihrem Laub entwickelte sich eine dünne Humusschicht, die die Ansiedlung neuer, anspruchsvollerer Pflanzenarten ermöglichte.


 

Tierwelt

Zu den Planungen einer Landesgartenschau in Aachen im Jahre 2000 wurde u.a. auch die Tierwelt untersucht. Es wurde vor allem ein großer Reichtum an Insekten festgestellt, darunter einige seltene Arten, die nur ein Fachmensch richtig beurteilen kann. Viele Insekten sind auf einige wenige Pflanzenarten als Nahrungspflanzen angewiesen, die sie nur hier finden.
Ein aufmerksamer Besucher kann Ameisen, Wanzen und Zikaden sowie zahlreiche Käferarten entdecken. Recht häufig findet man z.B. Marienkäfer oder den gefräßigen Pappelblattkäfer. An heißen Sommertagen, wenn die Vegetation langsam welk wird, kann man neben dem Aufspringen der Schoten des Hornklees deutlich das Zirpen der Heuschrecken hören. Wie die meisten der hier vorkommenden
Für Hautflügler bieten die offenen, trocken-warmen Ruderalstellen ein reichhaltiges Nahrungs- und Nistplatzangebot. Zu dieser Tiergruppe zählen beispielsweise Bienen, Wespen und Hummeln. So baut die Sandbiene im Frühjahr ihre Brutnester in Sandböden, ähnlich wie Grab- und Wegwespen oder die seltene Erdhummel. Besucher tun also besonders im Frühjahr gut daran, auf den Wegen zu bleiben, um
Am auffälligsten aber sind im Sommer die Schmetterlinge. Rund 60 verschiedene Tag- und Nachtfalterarten wurden im Gutachten aufgeführt. Besonders häufig sind Weißlinge, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs und Distelfalter. Bläulinge schweben über dem gelben Hornklee. Im Sommer 2003 konnte sogar ein Schwalbenschwanz über der Brachfläche tanzend beobachtet werden.

Nachtfalter

(von Dr. Ludger Wirooks, Aachen)

Neben einigen Tagfaltern gibt es am Moltkebahnhof auch eine ganze Reihe Nachtfalterarten, die dem gewöhnlichen Spaziergänger aber meist verborgen bleiben. Diese Falter kann man nachts mit Licht oder wohlriechenden, süßen Ködersubstanzen anlocken.

Oder man sucht gleich ihre Raupen, von denen manche sogar recht auffällig sind, wie z. B. die ausschließlich an Leinkraut (Löwenmäulchen) lebende Möndcheneule. Überhaupt leben viele Schmetterlinge nur an ganz bestimmten Pflanzenarten, weshalb deren hoher Arten-Reichtum in diesem Gebiet auch einer Vielzahl unterschiedlichster Schmetterlingsarten eine Lebensgrundlage bieten kann. Wenn man das Gelände einmal wirklich genau untersuchen würde, käme man so sicherlich auf weit über 100 Schmetterlingsarten!

Typisch sind v.a. Arten, die trocken-warme Biotope bevorzugen, wie z. B. die Ruderalflur-Johanniskrauteule. Diese Art war bis Anfang der 90er Jahre fast nur in Süddeutschland heimisch und breitet sich seither – womöglich auch infolge der Klima-Erwärmung – immer weiter nordwärts aus. Ein wichtiger Trittstein bei dieser Arealerweiterung stellte damals der Moltkebahnhof dar, wo ihre Raupe 1991 erstmals in NRW nachgewiesen wurde. Solche leicht erwärmbaren Industriebrachen und Bahnanlagen haben also auch eine wichtige Funktion als Sekundär-Lebensraum für viele Arten, die sonst nur in seltenen Felsbiotopen zu finden wären.

(Januar 2016)